"Worte sind vertraut, noch vertrauter ist der Geist.
Wer über Falsch und Richtig spricht,
ist ein Mensch des Falschen und Richtigen."

Diese aus dem Zen-Buddhismus kommende Sentenz wirkt zunächst paradox. Der eigentliche Sinn dieser Koan, ihre wesentliche Funktion erschließt sich nur intuitiv, ohne Worte - ebenso wie dies bei der Erschließung von (meinen) Bildern ist. In meinem derzeitigen Werkzyklus beschäftige ich mich mit dem Medium Sand. Im Vordergrund steht dabei die Suche nach der Spiritualität von "Seinszuständen". Unter dem von mir gefundenen Motto "sandsitiv" werden verschiedene Ebenen symbolisch beleuchtet, um Zusammenhänge zwischen Leben und Tod, Organischem und Anorganischem sowie Raum und Zeit - mental und haptisch - be-"greifbar" zu machen - handelt es sich doch um Phänomene, die in unserer Kultur immer noch als "paradox" verstanden werden. Das Verständnis als Paradoxon deswegen, da laut allgemeiner Definition, ihre Fragen, wie z.B. nach der Endlichkeit/ Unendlichkeit von Raum und Zeit, der menschlichen Intuition zu widersprechen scheinen, die nach begreifbaren Lösungen und Antworten verlangt. Als meine Aufgabe sehe ich es daher, diese Unüberwindbarkeit sich scheinbar auszuschließender Zustände sichtbar zu machen, denn allein durch die Formulierung eines Paradoxes - ob bildlich oder sprachlich - wird etwas offenbar. Mysteriöses wird so entmystifiziert und zugleich auf eine neue transzendente Ebene gehoben. Dabei verengt sich Transzendenz für mich weder religiös noch gar konfessionell, sondern zielt eher philosophisch auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Religionen geben hier unterschiedliche Antworten. Allen gemeinsam ist jedoch der Glaube an ein Danach.

Die christliche Kunst des Mittelalters etwa hat das Weiterleben im Himmel vielfach, und für unsere Vorstellung manchmal geradezu naiv, anschaulich gemacht. Der tibetanische Buddhismus mit seiner Offenheit entspricht vielen heutigen Menschen eher. Er kennt verschiedene Seinsstufen nach dem Tod, das heißt transzendente Zustände, die eigentlich nichts weiter sind ein Hinüberwechseln in andere Räume und Zeiten, wo dann allerdings auch "Überkräfte" wirken. Solche Kraftfelder werden von Buddhisten und in den Riten nativer Völker über Sandbilder aufgerufen und für eine kurze Weile präsent gesetzt. Welchem spirituellen Zweck die ehemals in den Sand eingeprägten, heute "versteinerten" übergroßen Scharrbilder bei den inzwischen ausgestorbenen Nasca-Indianern Südamerikas (Peru) dienten, ist ungeklärt. In unserer Kultur hat Sand weniger eine spirituelle als nunmehr eine - räumlich wie zeitlich - symbolische Bedeutung. Er steht für Vergänglichkeit, der Sand in der Sanduhr, der das Verrinnen der Zeit, anzeigt, die Fußspuren im Sand, die buchstäblich auf Vergangenes hinweisen.

Ganz real ist das Sandkorn das kleinste Teilchen am und im Erdboden. Betrachtet man z.B. einen solchen Quarzkristall genauer, spiegelt er das Licht in vielen Farben, und je nach seiner chemischen Zusammensetzung ist dann der Sand von Stränden und Dünen, aus Wüsten und Gebirgen weiß, grau, gelb, rot, braun. Für Reisende, die ihn mit nach Hause nehmen, weckt und bewahrt er Erinnerungen an durchstreifte Landschaften und Vegetationen, sogar an Begegnungen mit Menschen, jedenfalls an etwas, das sie hinter sich gelassen haben. Bruce Chatwin sieht in diesem Sinn "das Leben selbst [als] eine Reise, die auf Füßen zurückgelegt werden muss".
Damit eignet sich Sand, wie ich ihn verwende, als Symbol für vieles: für Licht und Schatten, für Raum und Zeit, Leben und Tod, Mikrokosmos und Universum. Fern von jeder Esoterik, möchte ich dem Betrachter eine interkulturell-weltumspannende Ausgangsbasis für eigene Assoziationen bieten und Anstöße für das Denken, Fühlen und Wollen geben. Diese Vielschichtigkeit wird durch die Verwendung von verschiedenen Sandsorten und Materialien zu dreidimensionalen Objektcollagen unterstrichen, die in meinen Bildern tiefgründig mit dargestellten Szenarien verschmelzen, sich zu einem symbolhaft wirkenden Ensemble verdichten und somit meine Wahrnehmung des Zeitgeschehens. dokumentieren sollen. Ich - eben selbst als Reisende - habe mit meinen Bildern meine persönlichen Eindrücke sichtbar gemacht und lade den Betrachter dazu ein, an dem Wahrgenommenen teilzuhaben.